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Mittwoch, 13. März 2019 - 19:00

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Fortschritt ohne Geschichte? Zur Aktualität Walter Benjamins Fortschrittskritik

Sami Khatib (Lüneburg)

Der Vortrag diskutiert, inwiefern sich der Gegenstand von Benjamins Fortschrittskritik heute geändert hat. Im Denkbild vom "Engel der Geschichte" (1940) sprach Benjamin von einem "Sturm", der "vom Paradiese" herweht und der sich in den Flügeln dieses Engels verfangen hat. Dass uns dieser Sturm als Fortschritt erscheint, kritisierte er am Geschichtsbegriff der Sozialdemokratie, deren Fortschrittsglaube angesichts von Faschismus, Weltkrieg und Hitler-Stalin-Pakt blamiert war. Ob die Sozialdemokratie als Erbin der fortschrittsoptimistischen Aufklärungsphilosophie des 19. Jahrhunderts heute noch Adressatin dieser Kritik ist, mag fraglich sein. Im posthistorischen Raum des neoliberalen Weltmarkts stellt sich dieser Sturm nicht mehr als Fantasie historischen Fortschritts, sondern als permanente Krise einer räumlich aufgeteilten Welt ohne Zukunft dar: das Versprechen endloser Optimierungsmöglichen des Verwertungsraums droht den ungleichzeitigen Orten der Ausbeutung mit apokalyptischem Untergang.


In den letzten Jahren konnte man sich des Gefühls der Stagnation kaum erwehren: während politische und soziale Kämpfe weitgehend als Abwehrkämpfe gegen den Rückbau bestehender gesellschaftlichen Errungenschaften geführt werden und neue Ideen, ein Zugewinn an menschlicher Emanzipation und Solidarität oder gar die Vision einer radikal anderen Gesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes als utopisch erscheinen, zielen auch technischen Entwicklungen nicht mehr darauf, neue gesellschaftliche Perspektiven aufzuzeigen.

Fortschritt, in der neoliberalen Marktideologie ohnehin nur noch als "Innovation" oder "Wachstum" vorstellbar, scheint sich in der Entwicklung von consumer electronics, dem alljährlichen Ersetzen eines Smartphones durch ein anderes und der Erfindung immer neuer und doch eigentlich immer gleicher Gadgets zu erschöpfen.

Spätestens seit der "Dialektik der Aufklärung" oder Marcuses "Der eindimensionale Mensch" ist das Verhältnis einer auf Emanzipation zielenden kritischen Theorie zu "technologischem Fortschritt" und der Beherrschung äußerer und innerer Natur gebrochen. So wurde der Technologie attestiert, bis in ihre innerste Struktur kapitalistisch und von der Verewigung von Herrschaft und Zurichtung des Menschen geprägt zu sein. Zugleich galt sie weiterhin als Garant der Möglichkeit einer freien gesellschaftlichen Organisation. Der Vortrag fragt, wie sich dies angesichts heutiger Bio- und Technopolitiken darstellt. Sind DNA-Analysen, Datenbrillen, Smartphones für die Emanzipation zu gebrauchen? Oder müsste man nicht vielmehr mit Adorno sagen, Fortschritt ereigne sich dort, wo er endet?

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