Thema : Ökonomie
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Mittwoch, 10. April 2019 - 19:00

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Vergangene Zukunft

Elfriede Müller (Berlin)

Nach Kolonialismus, Stalinismus, Nationalsozialismus, den gescheiterten und verratenen Revolutionen scheint Fortschritt kein emanzipatorisches Projekt mehr zu sein. Doch war Fortschritt nie eine Einbahnstraße, sondern eine widersprüchliche Bewegung, die ihre eigene Negation in sich birgt. Gibt es eine Chance, die unterirdische Spur des Fortschritts wieder aufzunehmen? Und dabei an die Hoffnungen vergangener Kämpfe zu erinnern, die auf die Zukunft gerichtet waren? Unser heutiger Blick ist eher ein melancholischer, weil er auf die Besiegten schaut. Die Revolution ist möglich, nicht unumgänglich. Die Konterrevolution folgt ihr wie ihr Schatten. Um zu verhindern, dass der Teufelskreis des Kapitals sich so weiter dreht wie bisher, hilft nur, die Idee der Befreiung von einer politischen Notwendigkeit zu einer historischen Möglichkeit werden zu lassen. Welche Rolle die Idee des Fortschritts darin spielen könnte, will der Vortrag erörtern.


In den letzten Jahren konnte man sich des Gefühls der Stagnation kaum erwehren: während politische und soziale Kämpfe weitgehend als Abwehrkämpfe gegen den Rückbau bestehender gesellschaftlichen Errungenschaften geführt werden und neue Ideen, ein Zugewinn an menschlicher Emanzipation und Solidarität oder gar die Vision einer radikal anderen Gesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes als utopisch erscheinen, zielen auch technischen Entwicklungen nicht mehr darauf, neue gesellschaftliche Perspektiven aufzuzeigen.

Fortschritt, in der neoliberalen Marktideologie ohnehin nur noch als "Innovation" oder "Wachstum" vorstellbar, scheint sich in der Entwicklung von consumer electronics, dem alljährlichen Ersetzen eines Smartphones durch ein anderes und der Erfindung immer neuer und doch eigentlich immer gleicher Gadgets zu erschöpfen.

Spätestens seit der "Dialektik der Aufklärung" oder Marcuses "Der eindimensionale Mensch" ist das Verhältnis einer auf Emanzipation zielenden kritischen Theorie zu "technologischem Fortschritt" und der Beherrschung äußerer und innerer Natur gebrochen. So wurde der Technologie attestiert, bis in ihre innerste Struktur kapitalistisch und von der Verewigung von Herrschaft und Zurichtung des Menschen geprägt zu sein. Zugleich galt sie weiterhin als Garant der Möglichkeit einer freien gesellschaftlichen Organisation. Der Vortrag fragt, wie sich dies angesichts heutiger Bio- und Technopolitiken darstellt. Sind DNA-Analysen, Datenbrillen, Smartphones für die Emanzipation zu gebrauchen? Oder müsste man nicht vielmehr mit Adorno sagen, Fortschritt ereigne sich dort, wo er endet?

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